Heilpädagogisches Reiten

Kooperation zwischen dem Reiterverein Sankt Georg Salzkotten und der Astrid-Lindgren-Schule (ALS, Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung) Salzkotten

Die ALS ist eine Förderschule mit den Schwerpunkten emotionale und soziale Entwicklung, die im Primarbereich (Klasse 1 bis 4) arbeitet. Die Kinder, die dort unterrichtet werden, haben unterschiedlichste Probleme. In den meisten Fällen haben sie in Kindergärten und Regelschulen schon deutliche Misserfolgserlebnisse hinter sich, waren dort die „Störenfriede“ oder aber diejenigen, die still gelitten haben und sich kaum auf neues Lernen und Entwicklung einlassen konnten. Nach dem Durchlaufen festgelegter formeller Verfahren, in die Lehrer, die Eltern, Erzieher oder Pflegeeltern immer mit eingebunden werden, kommen die Kinder dann nach Abwägung aller Möglichkeiten in die Förderschule.

So unterschiedlich wie die Kinder, sind auch die Ursachen ihrer Schwierigkeiten: Frühkindliche Traumata, Bindungsstörungen, Störungen aus dem Autismus-Spektrum, und ADHS sind nur einige Erklärungsansätze.

In der ALS arbeitet ein großes Team bestehend aus Förderschullehrern, einer Sozialpädagogin, vielen Integrationshelfern und weiteren Fachkräften, die die Kinder in ihrer Entwicklung dort „abholen“, wo sie stehen und ihren Möglichkeiten gemäß bestmöglich fördern – immer auch in enger Zusammenarbeit mit weiteren außerschulischen Partnern. 

Einer dieser Partner ist bereits seit langen Jahren der Reiterverein Sankt Georg Salzkotten. Lange Jahre stellte der Verein sowohl das Pferd, die Ausrüstung, die Halle und eine Übungsleiterin für die wöchentlichen Übungsstunden. Seit etwa 3 Jahren werden die Übungseinheiten von einer Förderschullehrerin der ALS durchgeführt, die gleichzeitig eine Qualifikation für das heilpädagogische Reiten und Voltigieren (vom DKTHR Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V.) hat und Vereinsmitglied ist. So klappt die Verzahnung zwischen Schule und Verein reibungsloser.

Warum wurde nun aber ausgerechnet Voltigieren ausgewählt als intensive pädagogische Maßnahme und welcher wechselseitige Nutzen ergibt sich daraus? Stichwortartig seien an dieser Stelle einige der wesentlichen Schwierigkeiten der Kinder genannt:

  • Geringes Selbstvertrauen
  • Große, oft generalisierte Angst, die zumeist nicht artikuliert werden kann
  • Antriebslosigkeit oder große Unruhe
  • Störungen in der Fähigkeit, tragfähige Bindungen aufbauen zu können
  • Regelverhalten, situationsangemessenes Verhalten
  • Motorische Schwierigkeiten z.B. bei der Bewegungssteuerung, beim Finden des Gleichgewichts etc.

Regelmäßig einmal in der Woche kommen o.g. Kinder in kleinen Gruppen nun zum „Lernort Reitstall“. Sie verlassen den schulischen Rahmen und müssen sich in einem realen außerschulischen Umfeld zurechtfinden und angemessen agieren. Festgefahrene Rollen werden aufgebrochen, da im Reitstall nicht der Pädagoge Regeln und Vorgaben aufzeigt, sondern ganz wesentlich der Lernpartner Pferd. Der Umgang mit den Pferden hat einen derart großen Aufforderungscharakter, dass selbst die ängstlichen Kinder versuchen, sich dem Pferd anzunähern. Besonders die Kinder mit Bindungsstörungen erleben im Pferd ein Gegenüber, dass natürlich reagiert, keine Vorbehalte zeigt, wenn es sachgerecht behandelt wird und die Kinder so annimmt, wie sie sind. Die Kinder akzeptieren Regeln viel eher, weil sich deren Sinnhaftigkeit oft unmittelbar erschließt.

Das Erleben der Kinder auf dem Pferd im Schritt, Trab und Galopp spiegelt sich häufig auf deren Gesichtern. Welches Gefühl muss es sein, wenn ein kleiner ängstlicher Mensch zum ersten Mal erfährt, dass da ein großes, starkes Lebewesen ist, das ihn bedingungslos trägt und mit dem er im Galopp „seinen Problemen“ für kurze Zeit davonfliegen kann!

Und der Reitverein – stören die Kinder die Abläufe nicht?

Sicherlich laufen die Übungseinheiten nicht immer ohne Störungen ab, aber Lernen setzt sich erst dann in Gang, wenn Probleme auftauchen! Die Vereinsreiter lernen, auf die Kinder zuzugehen, entwickeln Verständnis und Toleranz und lernen die Kinder auch mit ihren Stärken kennen. Sie zeigen den Kindern jedoch gleichzeitig klar die Grenzen auf, wenn z.B. Privatpferde mit der Unruhe überfordert sind.

Die Schulpferde des Vereins verdienen sich auch in den Morgenstunden „ihren Hafer“ und agieren mit ihren unterschiedlichen Temperamenten. Es macht große Freude zu beobachten, wie feinfühlig und wach sie Spiegel, Motivator, Lehrer, Anlehnung und mehr für die Kinder sind. Neben der sicherlich nicht zu unterschätzenden körperlichen und nervlichen Belastung für das jeweilige Schulpferd, kann dieses in der „heilpädagogischen Situation“ auch für den Regelreitbetrieb am Nachmittag hinzulernen! Es ist enorm wichtig, dass für die heilpädagogischen Aufgaben genügend Pferde und in Interieur und Exterieur unterschiedliche Pferde zur Verfügung stehen!

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die großen gesellschaftlichen Ziele Inklusion, Teilhabe und Toleranz nur erreicht werden können, wenn Menschen Erfahrungen in vielen kleinen begleiteten Lebensbereichen machen können, wenn sie dort erfahren, dass wirklich jeder Stärken mitbringt und Vielfalt unsere Gesellschaft bereichern kann.

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